Bewegung

Was ich beim Laufen denke: der psychologische Aspekt des Trainings

Von Lukas Hofbauer · 15. Mai 2026 · Lesezeit ca. 5 Min.

Es gibt einen Moment, kurz nachdem die Hausschuhe gegen die Laufschuhe getauscht sind, in dem die innere Stimme noch einmal versucht, mich zurueck auf das Sofa zu reden. Drei Minuten. Genau so lange brauche ich, bis das erste Geraeusch der Strasse meine Gedanken aus dem Kopf hebt und in den Atem verlegt. Das ist der Punkt, an dem ich aufhoere, ueber das Laufen nachzudenken, und beginne, einfach zu laufen.

Worum es in diesem Text geht

Eine persoenliche Notiz darueber, was im Kopf passiert, bevor, waehrend und nach einem Lauf an der frischen Luft. Keine Trainingsplaene, keine Versprechen. Nur ein ehrlicher Blick auf die kleinen mentalen Bewegungen, die mich in den letzten zwei Jahren bei der Stange gehalten haben.

Eine Laeuferin am fruehen Morgen auf einem ruhigen Parkweg.
Ruhige Morgenstunden im Stadtpark.

1. Die ersten drei Minuten entscheiden alles

Ich habe lange geglaubt, dass die Motivation kommt, bevor ich die Schuhe schnuere. Heute weiss ich: die Motivation kommt erst auf den ersten hundert Schritten. Davor ist alles Verhandlung mit mir selbst. Wer wartet, bis er Lust hat, wartet meistens umsonst. Wer einfach beginnt, gewinnt fast jeden inneren Streit nach drei Minuten.

In meiner Erfahrung sind diese drei Minuten ein kleines Ritual. Ich zaehle die Atemzuege, ich schaue auf die Baeume am Donaukanal, ich lasse die Gedanken vorbeiziehen wie Strassenbahnen. Erst wenn der Atem ruhig wird, beginnt das Laufen wirklich.

„Die Strasse fragt nicht, wie ich mich fuehle. Sie nimmt mich, wie ich bin, und gibt mich klarer zurueck.“

2. Was Wissenschaftler ueber Bewegung im Freien beobachten

Spezialistinnen und Spezialisten der WHO weisen seit Jahren darauf hin, dass regelmaessige moderate Bewegung zur allgemeinen Befindlichkeit beitraegt. Forschungen aus Harvard betonen, dass besonders Bewegung im Freien das Wohlbefinden generell unterstuetzen kann. Ich bin keine Fachperson, aber meine eigenen Notizbuecher bestaetigen das, was diese Hinweise nahelegen: an Tagen, an denen ich draussen unterwegs bin, sind meine Gedanken klarer.

Drei Beobachtungen aus meinem Lauftagebuch

  1. Nach Laeufen am Vormittag schreibe ich konzentrierter, oft bis zu zwei Stunden lang.
  2. Laeufe ohne Musik fuehlen sich mental laenger an, wirken aber im Nachklang ruhiger.
  3. Wenn ich vor dem Lauf nichts plane, kommen mir die besten Ideen erst auf dem Rueckweg.

3. Der mentale Lautstaerkeregler

Im Alltag bin ich von Geraeuschen umgeben: Tasten, Benachrichtigungen, Stimmen aus dem Nebenraum. Beim Laufen drehe ich diesen Regler langsam herunter. Es ist kein Schalter, kein abruptes Aus. Es ist eher eine sanfte Bewegung, vergleichbar mit dem Dimmen einer Lampe.

Ich beobachte, wie sich Saetze in meinem Kopf neu sortieren. Aufgaben, die mir am Schreibtisch unueberwindbar erschienen, bekommen Form. Manchmal trage ich kein Telefon mit. Manchmal nehme ich es mit, lasse es aber im Tasche-Modus.

4. Was die Strasse mir gibt, was die Halle nicht kann

Es ist nicht die Geschwindigkeit. Es ist nicht einmal die frische Luft im klassischen Sinn. Es ist, glaube ich, die Unvorhersehbarkeit. Auf der Strasse weiss ich nie, wem ich begegne, wo ich abbiegen werde, wo ich kurz stehenbleiben werde, um eine Katze zu beobachten. Diese kleinen Entscheidungen halten meinen Kopf wach, ohne ihn zu erschoepfen.

5. Wie ich mit Tagen umgehe, an denen ich nicht hinaus will

Ich habe einen einfachen Vertrag mit mir selbst: an solchen Tagen ziehe ich nur die Schuhe an und gehe vor die Tuer. Mehr nicht. Wenn ich nach zehn Minuten zurueckkehren moechte, darf ich das. In neun von zehn Faellen kehre ich nicht zurueck.

„Disziplin ist fuer mich nicht ein lautes Versprechen. Es ist ein leises Ja zu einem ersten Schritt.“

6. Der Ankerpunkt: warum ich weiterlaufe

Wenn ich genau hinschaue, laufe ich nicht fuer eine schnellere Zeit. Ich laufe fuer den Moment direkt nach dem Lauf, in dem die Welt etwas weicher wirkt. Fuer das Gefuehl, dass ich heute eine kleine Verabredung mit mir selbst eingehalten habe.

7. Persoenliches Fazit

Die wichtigste Lektion aus zwei Jahren regelmaessigem Laufen ist nicht koerperlich, sondern mental. Ich habe gelernt, dass mein Kopf einen Ort braucht, an dem er still werden darf. Fuer mich ist das die Strasse, kurz nach Sonnenaufgang. Fuer jemand anderen ist es vielleicht der Park am Abend. Wichtig ist, dass es ein Ort ist, der gehoert wird.


Aktuelle Notizen

Ueber das Projekt

Yogaloop ist ein kleines, unabhaengiges Notizbuch ueber Laufen, Bewegung im Freien und die innere Motivation. Wir sind keine Trainer und keine Fachpersonen aus dem Gesundheitsbereich. Wir teilen Erfahrungen, Beobachtungen und Eindruecke aus der Stadt und ihren Parks.

LH

Lukas Hofbauer

Schreibt seit zwei Jahren ueber Lauf-Routinen und das ruhige Beobachten der Stadt. Lebt in Wien, laeuft am liebsten am Donaukanal.